Wenn man sich vorstellt, dass ein japanisches Mini-Studio um die Jahrtausendwende ein Modul fabriziert, in dem auf einem 480i-Bildschirm gleichzeitig vierhundert farbige Geschosse fliegen — und dieser Bildschirm war eine Dreamcast — dann ist man bei Bangai-O. Treasure baute dieses Spiel 1999 für japanische Hardware und schickte es Anfang 2001 mit Conspiracy Entertainment ins englischsprachige Europa. In Deutschland erschien es so leise, dass die meisten Sammler heute nicht einmal wissen, dass eine PAL-Version überhaupt existiert.
Das Modul war eine Übersetzung des N64-Originals «Bakuretsu Muteki Bangaioh», aber Treasure veränderte fast alles. Die Engine wurde umgeschrieben, das Sprite-Limit verschwand, die Reaktive-Wand-Geschoss-Physik wurde ergänzt, und der Soundtrack landete in einem industriellen Synth-Stil, der zwischen Tetsuya Mizuguchi und Yoko Shimomura sitzt. Wer heute eine echte Dreamcast-PAL-Auflage in den Händen hält, hält eine der wenigen Inkarnationen dieses Werkes in seiner ursprünglichen Form.
Was Bullet-Curtain eigentlich heißt
Bullet-Curtain — oder, im Genre-Sprech, danmaku — ist die Schule des japanischen Shoot-em-up, in der die Spielfigur kleiner ist als das eigene Geschossnetz und der Bildschirm gleichzeitig hunderte Pixel-Punkte tragen muss. CAVE, Treasure, Compile und Toaplan sind die kanonischen Studios. Was Bangai-O von Genre-Klassikern wie Ikaruga oder DoDonPachi unterscheidet: das Spiel reagiert nicht nur auf die Geschosse, sondern erzeugt aus ihnen Energie für den eigenen Konter-Schuss. Wer im richtigen Moment ein Counter ausführt, schickt eine vergleichbare Mauer zurück.
Bangai-O ist eines der wenigen Shoot-em-ups, in denen Defensive in Offensive umkippt. Wer nur ausweicht, verliert. Wer im richtigen Moment innehält, gewinnt. — Theo, Notiz aus dem Dreamcast-Marathon-Wochenende 2024
Warum kein Hype
Es gibt drei Gründe, warum Bangai-O in der westlichen Spielepresse weitgehend unsichtbar blieb. Erstens: die Dreamcast war Anfang 2001 schon halb tot. Sega hatte die Hardware-Abkündigung am 30. März 2001 veröffentlicht — die meisten Magazine konzentrierten sich auf die PS2. Zweitens: die Verpackung war im Westen schmucklos. Conspiracy Entertainment ist eine Veröffentlichungsfirma, die für minimalistische Boxen bekannt war — die japanische Auflage hingegen kam mit einem Doppel-Disc-Set und einem Aufkleber-Set, das heute heiß gesucht ist. Drittens: das Spiel ist auf den ersten Blick unverständlich. Wer es ohne ein gutes Manual startet, sieht Chaos.
Was es heute auf einer Röhre macht
Bangai-O ist eines der wenigen Module, die auf einem CRT mit RGB-SCART tatsächlich anders aussehen als auf einem modernen Bildschirm. Die Geschossleuchten an den Phosphor-Schichten verschmelzen miteinander zu einer Art Glühen, das auf einer LCD-Glasplatte einfach scharfe Punkte sind. Wer das Spiel ernsthaft kennenlernen möchte, sucht eine Sony-Trinitron PVM (oder ein 14M2U-Modell), schraubt einen guten Dreamcast-RGB-SCART-Kabel an und stellt sich auf zwei Stunden Übung ein.
Modul-Notiz aus Cilias Werkstatt
Die Dreamcast selbst hat zwei häufige Schwachstellen: die GD-ROM-Lasereinheit verliert über die Jahre Justierung und das Netzteil ist berüchtigt für Wärme-Entwicklung. Wir tauschen das Netzteil seit 2021 systematisch gegen einen Pico-PSU-Umbau aus, der die Konsole zugleich leiser und kühler macht. Bei der GD-ROM-Linse hilft ein Tropfen DeoxIT auf der Linsen-Schraube und eine 0,2-mm-Nachjustierung — das holt die meisten Module zurück. Bangai-O liest auf unserer eigenen Werkstatt-Dreamcast nach dieser Behandlung problemlos.
Was es bedeutet
Bangai-O ist kein Modul für die Vitrine. Es ist eines für die Couch, an einem späten Sonntagabend, mit zwei Spielenden, einem Reset-Schalter in Reichweite und einem schweren Pad in den Händen. Es gehört zu der unschönen, schönen Tradition jener japanischen Studios, die Module entworfen haben, um die Hardware einfach noch einmal zu beweisen — auch dann, wenn alle anderen schon weiter geschaut haben.
Treasure existiert übrigens immer noch. Ihr letztes großes Werk war Sin & Punishment: Star Successor von 2010. Seit 2017 arbeiten sie sehr leise an unbestätigten Projekten. Wer es schafft, das japanische Bangai-O-Doppel-Disc-Set in der OBI-Hülle zu erstehen, hat ein Stück Studio-Geschichte gerettet. Wir haben aktuell keines im Sortier-Regal — aber Theo schreibt euch gerne, sobald eines auftaucht.